Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

Vom Comicverkäufer zum Kurator für zeitgenössische Kunst, Lynn Kost

Blickt man auf die Karriere von Lynn Kost (*1973) zeigt sich ein ungewohnter Verlauf: Über seinen Studienjob als Comicverkäufer wurde er ans Fumetto – Internationales Comix-Festival Luzern berufen und übernahm da schon bald die künstlerische Leitung. Danach begann Lynn Kosts Gang durch die Museen als Kurator für Gegenwartskunst: Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Bündner Kunstmuseum Chur. Die Institutionen sind immer grösser und komplexer geworden. Heute ist er Kurator für Gegenwartskunst am Kunst Museum Winterthur. Der Enthusiasmus für die Kunst und die Vermittlung ihrer Inhalte war sein steter Antrieb. Er sagt über seinen Werdegang aber auch, dass er nie eine klare Karriereplanung gehabt habe. Er sehe sich allgemein als Teil eines gesellschaftlichen Systems, das ihn einschränke, gleichzeitig aber auch laufend Gelegenheiten biete: «Ich versuche darin meine Interessen nie aus den Augen zu verlieren und Chancen beim Schopf zu packen.» Ob und wann sich berufliche Angebote auftun,  hänge ebenso von der eigenen Ausbildung und Erfahrung ab wie von Timing und Zufall. «Ich bin nicht der Meister meines Lebens», bringt er seine Lebenseinstellung auf den Punkt «aber ich bin der Dirigent meiner eigenen Interessen.»

Das folgenreichste Ereignis seines Lebens war die Geburt seiner Kinder (2009/2012). Diese neue Verantwortung zwang ihn seinen Berufsalltag anders zu gestalten. Er plante aktiver und begann Dinge vorweg zu nehmen anstatt sich dem Lauf der Dinge hinzugeben. Den kräfteraubenden und zeitintensiven Betrieb eines unabhängigen Festivals fand er nur schwer mit dem Familienleben zu vereinbaren. Zur selben Zeit verlagerte sich sein Interesse immer stärker Richtung bildende Kunst. Kooperationen mit dem Kunstmuseum Luzern hatten ihm inspirierende Einblicke ermöglicht. Ihn interessierten die vertiefte inhaltliche Arbeit der Kuratoren und der wertvolle Austausch mit dem Museumsteam. Gleichzeitig hätten der institutionelle Rahmen mit geregelteren Arbeitszeiten und mehr Planungssicherheit, die wiederum mit mehr bereitstehenden finanziellen und personellen Ressourcen einhergehen, auch besser zu seiner Lebenssituation gepasst. Die institutionellen Zwänge in Museen und der beträchtliche Anteil an organisatorischer Arbeit in der Ausstellungsorganisation seien zwar nicht zu unterschätzen. Doch sie seien unerheblich, gemessen an der Freude eng mit den Kunstschaffenden zusammenarbeiten zu können, die Verwirklichung ihrer Ideen tatkräftig zu unterstützen und umfassende Ausstellungen, Publikationen und Anlässe zu organisieren. Er spricht von einem grossen Glück in einem Kunstmuseum arbeiten zu dürfen.

Als Direktor des Fumetto hat Lynn Kost aus strategischen Überlegung Kulturmanagement studiert: «Comic wird stark mit Underground und der Do-it-yourself Kultur verbunden. Eine Managementausbildung strahlt Sicherheit und Sachlichkeit gegenüber den Partnern aus. Vor allem in den Bereichen Finanzierung und Organisation ist das zentral.» Zwar glaubt er nicht, dass heute professioneller gearbeitet wird als vor 50 Jahren. Allerdings sei die Kulturlandschaft schnelllebiger geworden. Er stellt fest, dass das Kulturangebot sich laufend erweitert und die Nischen enger geworden sind. Seiner Einschätzung nach ist deshalb die Kommunikation heute ein entscheidender Faktor. Er versteht sich als flexibler Organisator, der nicht an Arbeitsprinzipien festhält, sondern Abläufe und Strukturen immer wieder der aktuellen Situation anpasst und die künstlerischen Belange in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt.

Der Kommunikationsaufwand hat sich mit der Pandemie noch intensiviert. Partner*innen, Förderinstanzen und Besucher*innen erwarten, dass sie stets zeitnah über Veränderungen informiert werden. Covid_19 hat finanziell zuerst Galerien getroffen. Diese würden wichtige Arbeit im Entdecken von Künstler*innen leisten und diesen oft die ersten Ausstellungen ermöglichen. Lynn Kost ist überzeugt, dass die Pandemie in absehbarer Zeit aber auch Auswirkungen auf die Kulturbudgets der öffentlichen Hand und damit auf die Institutionen haben wird. Erstaunt hat ihn, dass kurz nach der Wiedereröffnung der Museen am 11. Mai 2020 die Besucherzahlen an Prä-Covid Zeiten anschliessen konnten. Dies deute an, dass Kultur so wichtig sei, dass niemand ohne sie auskommen wolle. Ein gutes Zeichen, das hoffen lässt, dass der Kultursektor sich in seiner Vielfalt behaupten wird.

Die Corona-Krise hat das Arbeiten in etablierten wie alternativen Institutionen durcheinandergebracht: Isi von Walterskirchen vom Clubbüro der IG Rote Fabrik und der Kurator Lynn Kost vom Kunst Museum Winterthur über Zugehörigkeit, (falsche) Grenzziehungen und die Bedeutung von Utopie in Krisenzeiten.