Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

U*M*B*R*U*C*H-Dialoge (4/4)

Die Corona-Krise hat das Arbeiten in etablierten wie alternativen Institutionen durcheinandergebracht: Isi von Walterskirchen vom Clubbüro der IG Rote Fabrik und der Kurator Lynn Kost vom Kunst Museum Winterthur über Zugehörigkeit, (falsche) Grenzziehungen und die Bedeutung von Utopie in Krisenzeiten.

 

Isi an Lynn am 13. September: U wie Unruhe
Sobald dieses E-Mail abgeschickt ist, mach‘ ich mich auf den Weg an den See – um das neue Shedhalle-Kurator*innen-Team am Eröffnungswochenende zu erleben. Ich freue mich sehr, dass Philipp und Thea meine Nachbar*innen auf dem Areal der Roten Fabrik sind. Wir machen uns schon jetzt Gedanken über Ko-Produktionen. Das ist mir ein grosses Anliegen: dass am See viel enger zusammengearbeitet wird – weg von der Einfamilienhaussiedlung, die sich aus verschiedenen separierten Institutionen zusammensetzt. Weil man hier autonom sein wollte, hat man sich wohl über die Jahrzehnte etwas auseinandergelebt. Das gehört zur Geschichte der Roten Fabrik. In den letzten 40 Jahren wurde die Rote Fabrik zu einem Areal, welches von professionell arbeitenden Institutionen wie der IG Rote Fabrik und Shedhalle bespielt wird. Aber alle waren wohl ein bisschen zu sehr in der eigenen Sache unterwegs. Vielleicht muss man in der Roten Fabrik von den Komfortzonen wegkommen: Mehr Unruhe. Unruhe ist mein U-Wort für dich. Und klar denke ich dabei an die Zürcher Jugendunruhen vor 40 Jahren – an Züri brännt. Auch weil die Rote Fabrik ein wichtiges Produkt der Zürcher Jugendbewegung ist.

 

Lynn an Isi am 24. September: M wie Musik
In der Studentenzeit fuhren wir in der ganzen Schweiz umher, um Konzerte zu besuchen. Die Rote Fabrik war einer der Orte, den wir selbstverständlich zu unserem Universum zählten. Dass die 1980er Generation die Fabrik politisch und auf der Strasse erstreiten musste, war uns egal. Wir waren nicht politisch, uns ging es um die Musik, die Szenezugehörigkeit und Unabhängigkeit. Das war ziemlich hedonistisch und egozentrisch. Erst später realisierte ich, dass Orte wie die Rote Fabrik nur durch beständigen Kampf und Erneuerung die Freiräume erhalten kann, die wir damals genossen. Aber wir fühlten uns an diesem Ort wohl und das ist etwas wertvolles, das ich aus dieser Zeit mitgenommen habe. Die Türen waren für alle offen und Toleranz selbstverständlich, so hatte ich es jedenfalls wahrgenommen. Und natürlich die Musik, die war fantastisch. Deshalb ein M wie Musik für Dich.

 

Isi an Lynn am 12. Oktober: B wie Bereich
Ich stolpere immer wieder über die Begriffe U-Musik und E-Musik. Theoretisch würde ein in einem Club gespieltes Live-Set des Noise-Künstlers The Haxan Cloak der U-Musik zugeordnet. Viele Expert*innen aus der sog. Pop/Rock-Musik-Branche würden das auf dem Laptop dem Publikum präsentierte Set wohl immer noch nicht als kulturell wertig empfinden – da stehe ein DJ vor einer vorprogrammierten Maschine und drücke ein paar Knöpfe. Solche Bilder sitzen immer noch tief. Dabei sind The Haxan Cloaks Darbietungen hochkomplex und fordernd. Zu einem Set von The Haxan Cloak meditiert man geradezu, man geht im Publikum an klangliche Grenzen. Aber auch ein DJ kann beim Auflegen Kunst schaffen.

Musstest du in deiner Kuratoren-Laufbahn auch schon weibeln, damit Kunst als Kunst anerkannt wird? Sind Comics Kunst? Ich denke da an die Ausstellung Robert Crumb & The Underground, die vor einigen Jahren im Kunstmuseum Luzern gezeigt wurde. Aber was ist mit den Comic-Zeichner*innen vom Fumetto? Wird in der bildenden Kunst auch hart zwischen E- und U-Malerei unterschieden?

Ach, ich habe eh Mühe mit strengen Genrezuteilungen. Wo fängt zum Beispiel Neue Musik an? Wann wird Jazz zu Pop? Ist EDM die neue Volksmusik?

In Zürich gab’s in der Kulturförderung übrigens mal einen Versuch. Aber diesen Topf für Transdisziplinäres gibts nicht mehr – leider war er auch nicht wirklich innovativ definiert. Ich glaube mich zu erinnern, dass eine Fördervoraussetzung des Topfes war, dass man vier von sieben Förderbereichen abdecken musste. So wurde das Rhizom Festival – ich bin Teil des Macher*innen-Kollektivs – dann auch als transdisziplinär programmiertes Festival eingestuft und wir durften vom Topf profitieren. Soviel dazu. Bereich ist mein B-Wort für dich.

 

Lynn an Isi am 16. Oktober: R wie Rote Fabrik
Das Bedürfnis nach Transdisziplinarität in der Kultur könnte eine Reaktion auf dogmatisches Denken sein. Mit dem Fumetto ging es uns darum, Grenzen zu überbrücken. Es war von Anfang an unser Selbstverständnis, dass Comics eine Kunstform sind. Wir wollten nicht Unterschiede betonen, sondern Gemeinsamkeiten. Also konzipierten wir das Festival aus dem übergeordneten Blickwinkel des Erzählens mit Bildern. Das erlaubte es uns, unterschiedliche Kunstformen nebeneinanderzustellen und Einflüsse und Wechselwirkungen aufzuzeigen. Das Festival wurde so ausgehend vom Comic zu einem lebhaften Ort des Austauschs und der Diskussion über das Zeichnen und seine narrativen Möglichkeiten. Der Nimbus der Untergrundkultur des Comics begünstigte den experimentellen Umgang mit Gattungen und Inhalten. Denkmuster konnten undogmatischer unterwandert werden und Diskurse ausgehebelt werden. Dieser Bonus ermöglichte sicherlich auch die Entwicklung der Roten Fabrik zur Institution. Deshalb ist mein R für dich die Rote Fabrik.

 

Isi an Lynn am 4. November: 14 U-Worte
Uhlala, meine Antwort hat lange auf sich warten lassen. Ich bin durch viele U-Momente gegangen in den letzten drei Wochen: ich war alles andere als unbekümmert, was das Versagen des Contact-Tracings im Kanton Zürich angeht, und musste die ganze Clubbüro-Saison umbuchen – und fast täglich musste ich meine persönliche Policy hinterfragen, möglichst Zugang zur Kultur zu verschaffen. Aber das wurde mit der Zeit immer schwieriger. Gerade weil unser Schutzkonzept in Frage gestellt war: Infektionsketten konnten nicht mehr nachverfolgt werden. Und so haben wir auch den 40sten Geburtstag der Roten Fabrik – Ü40 / *24.10.1980 der Name des Anlasses übrigens – kurzfristig umgestaltet: in ein audio-visuelles Performance-Happening mit sitzendem Publikum, Cocktail-Service am Platz und einer Filmcrew. Streaming statt Rave.

Und dann der Bundesratsentscheid von letztem Mittwoch: Tanzveranstaltungen sind seither untersagt, die Clubs müssen (wieder) schliessen. Unglücklich bin ich nicht, dass mir die Behörden diesen Entscheid jetzt abgenommen haben. Aber was ist mit den Plattformen, den Künstler*innen, den Freelancer*innen, Stundenlöhner*innen des Ökosystems (Club-)Kultur? Wie sollen sie unterstützt werden? Die Antworten der Politik und der Behörden lassen noch auf sich warten. Unmut darüber macht sich schon seit einer Weile breit in meinem Netzwerk. Ein massives Clubsterben droht. Oder gar der Untergang des offiziellen Nachtlebens? Wird der Underground dann den Platz der offiziellen Plattformen einnehmen? Oder wird Raven schlicht zur Utopie? 1999 hatten die Trancesetters einen Hit: „Underground lives forever, baby. We’re just like roaches: we never die, we’re always living.” Damit halte ich es. So leicht lassen wir uns nicht unterkriegen.

Was meinst du? Können wir irgendwann wieder unbeschwert zusammenkommen, uns umarmen und ungezügelt tanzen?
14 U-Worte plus eine Onomatopoeia mit U für Dich.

 

Lynn an Isi am 8. November: C wie Charakter
Die Vorstellung, dass wir nie mehr unbeschwert zusammenkommen könnten, ist grauenhaft. Die Aussichten für die Performing Arts in Zeiten von Corona sind besonders düster. Die Pandemie könnte für die Kultur gesamthaft einschneidende Veränderungen nach sich ziehen, wenn keine Hilfe durch das Gemeinwesen erfolgt. Ist Gemeinschaft aber nicht einer der wichtigsten Aspekte, den die Kultur erzeugt? Gemeinsam Ideen zu entwickeln und umzusetzen, gemeinsame Interessen, Erlebnisse, Emotionen, Spass und intellektuelle Herausforderungen zu teilen, zu tanzen, Diskussionen zu führen, zu streiten, zu experimentieren usw. Die Kultur fördert dies: Friedlich, kreativ, identifikationsstiftend. Kultur sollte deshalb selbstverständlich als unverzichtbares Gut des Gemeinwesens betrachtet werden und von der Politik getragen und umfänglich unterstützt werden, bevor sie verwest. Natürlich, der Untergrund wird sich nicht klein kriegen lassen, Neues wird entstehen, doch das Wesen der Gemeinschaft geringzuschätzen fände ich fahrlässig und charakterlos. Deshalb mein C Wort für Dich: Charakter

 

Isi an Lynn am 12. November: H wie himmelhochjauchzend
Danke für deine schönen Ausführungen, denen ich nur beipflichten kann. Ein wunderbares Schlusswort zu unserem Dialog wäre das gewesen.

Drum füge ich zum Ende unseres Dialogs schlicht ein paar H-Emotionen für uns – das Ökosystem Kultur – an: handlungsfähig, hoffnungsvoll, hungrig, hochmotiviert, hellwach, heiter, herzerfüllt und immer mal wieder himmelhochjauchzend wünsch ich mir seine Akteur*innen.

 

Der Dialog wurde zwischen September und November 2020 per Mail geführt.