Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

Isi von Walterskirchen über das Glück, Leidenschaft und Beruf zu verbinden

Seit April 2019 leitet Isi von Walterskirchen (*1978) das Clubbüro der IG Rote Fabrik in Zürich, eine neu geschaffene Stelle, für die sie selbst das Konzept geschrieben hat. Hier könne sie vieles, was sie bisher getan und gelernt habe, anwenden, erzählt sie und sagt: «Ich war zur richtigen Zeit mit der richtigen Idee am richtigen Ort.» Die engagierte Clubkultur ist seit Jahren ihr Steckenpferd: «Ich sehe den Club als Experimentierfeld für sozio-politisches Engagement in der Community, für das Entwickeln neuer Organisationsinitiativen, für kreative Innovation und transdisziplinäre Darbietungen.»

An Aufregung habe es in ihrem Leben nie gefehlt. 1984 hat ihr Vater eine diplomatische Mission in Moskau angenommen. «Durch den Freundeskreis meiner Eltern habe ich schon als Kind Einblick in die russische Untergrund-Kunstwelt bekommen.» Diese fünf Jahre hinter dem eisernen Vorhang haben sie geprägt, das Wilde und Widersprüchliche habe ihr schon als Kind zugesagt, und die Rückkehr ins überschaubare Bern sei denn auch ein Schock gewesen. Die Frage, wo sie dazugehöre, habe sie immer begleitet und sei wahrscheinlich auch der Motor für ihre vielseitigen Interessen: «Die Suche nach meinem eigenen Ort hat mir eine Unabhängigkeit und Offenheit beschert, die heute für mich sehr wichtig sind.»

Isi von Walterskirchen war nach den Schulen und einem Studium der Rechtswissenschaften in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig: Sie arbeitete in der Gastro- und Eventbranche, machte Radio, bewegte sich in der Kunst- und Fashionwelt, veranstaltete Clubkultur-Happenings in der ganzen Schweiz – in besetzen Häusern, coolen Clubs und offiziellen Kulturplattformen. Und sie lernte mit den Einschränkungen durch eine chronische Krankheit, die sie als junge Frau hatte, umzugehen. Im Kulturmanagementstudium (2007/09) habe sie viele dieser Erfahrungen bündeln und in einem Zusammenhang sehen können. «Der generalistische Ansatz war für mich genau richtig,  die vielen einzelnen Mosaiksteinchen meines Lebens schienen plötzlich zusammen zu passen.»

Eine weitere wichtige Tür ging 2009 auf, als sie die Stelle als Geschäftsleiterin von PETZI, dem Schweizer Dachverband der nicht gewinnorientierten Musikclubs und Festivals, antrat und zehn Jahre lang prägte. «Verbandsarbeit liegt mir, ich bin eine Netzwerkerin und arbeite am liebsten in horizontalen und kollektiven Strukturen.» Dass die Zeitschrift annabelle sie einmal plakativ als «Königin der Nacht» bezeichnet hat, findet sie absurd. Ja, sie sei ein Nachtmensch und gerne auch ein «Zugpferd». Und ja, sie habe ein «von» in ihrem Namen, aber: «Mich auf einen Thron zu setzten, widerspricht meinem Wesen und meiner Haltung zutiefst.»

Isi von Walterskirchen spricht lieber von einem Humus, einem fruchtbaren Boden, den sie sich über die Jahre geschaffen hat und bezeichnet ihre Praxis gerne auch mal als «gärtnern».  So wichtig ihr das Kreieren von (Frei-)Räumen und das Unterwegssein ist, brauche sie auch Kontinuitäten. Da sei ihre mehr als 20-jährige Partnerschaft mit einem Musikjournalisten, die Natur, das Zuhause, die engen Freunde oder der Servicejob in einem Restaurant, dem sie seit acht Jahren einmal die Woche als Ausgleich nachgeht.

In den letzten Monaten seit Ausbruch der Corona-Pandemie sei ihr das Glück und die Privilegien, die sie habe, nochmal besonders aufgefallen. «Ich habe einen festen Job in einer Organisation, die nicht direkt in ihrer Existenz gefährdet ist.» Dank ihrer Netzwerke konnte sie zudem schnell auf die Bedürfnisse der Szene reagieren. «Jetzt ist Solidarität gefragt, wir müssen diese Herausforderungen gemeinsam angehen.» Der Titel der Veranstaltungsreihe in der Roten Fabrik im Juli war denn auch nicht von ungefähr: Wir sind nicht so isoliert, wie es uns zuweilen scheint!

 

Die Corona-Krise hat das Arbeiten in etablierten wie alternativen Institutionen durcheinandergebracht: Isi von Walterskirchen vom Clubbüro der IG Rote Fabrik und der Kurator Lynn Kost vom Kunst Museum Winterthur über Zugehörigkeit, (falsche) Grenzziehungen und die Bedeutung von Utopie in Krisenzeiten.