Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

U*M*B*R*U*C*H-Dialoge (3/4)

Marco Läuchli war einer der ersten Absolventen am SKM der Universität Basel, Larissa Bizer schliesst den Studiengang diesen Herbst ab: Im Dialog erkunden sie Generationsunterschiede und wie der Blick auf die Kultur und der Wert der Kunst sich verändert haben.  

 

Larissa Bizer: Guten Morgen Marco, ich mache einen Anfang mit U wie Unsicherheit: Wir müssen uns heutzutage mit so vielen Themen auseinandersetzen. Globalisierung, Rechtspopulismus, #metoo, Digitalisierung, Trump, Integration, Coronavirus, Gleichberechtigung, Syrienkrieg, Klimawandel. Das scheinen mir recht unsichere und prekäre Zeiten. Wie kann die Kultur darauf reagieren? War Kulturschaffen früher nicht viel einfacher?

 

Marco Läuchli: Liebe Larissa, ich habe was zu M wie Mut versucht. Bilden unsichere Zeiten nicht gerade einen idealen Nährboden für Kultur? Zumindest hat die damalige Zeit, die zweifellos aus den Fugen geraten war, Shakespeare zu einem grandiosen Werk herausgefordert. Ich glaube nicht, dass es die vordringliche Aufgabe der Kultur ist, auf Tagesaktualitäten zu reagieren – auch wenn uns Herr Trump wohl noch weitere vier Jahre erhalten bleibt und der Klimawandel uns erstmals in «planetarischen Zeitdimensionen» zu denken zwingt, wie Daniel Binswanger in einem Essay schreibt. Kunst und Kultur erliegen heute allzu oft dem Zwang zur vermeintlichen Aktualität. Sie vermeiden es tunlichst, den Zuschauer*innen, Leser*innen oder gar «Konsument*innen», eine aktive Übersetzungsleistung zuzumuten und verlieren damit ein grosses Stück ihrer Allgemeingültigkeit. Sich diesem Trend entgegenzustellen, braucht heute vielleicht mehr Mut als vor 30 Jahren.

 

Larissa Bizer: Ich versuche, auf Deine E-Mail mit B wie Beschleunigung zu antworten. Ich hoffe, ich schweife nicht zu sehr ab. Ich glaube ja nicht, dass es sich bei diesen Phänomenen um Tagesaktualitäten handelt, sondern um einen immer schneller werdenden Umbruch in unserer Gesellschaft. Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, wie wir arbeiten, welche ethischen und moralischen Werte die globalisierte Welt zusammenhält – wird uns das in den nächsten Jahren nicht immer mehr beschäftigen? Ich spüre eine unglaubliche Beschleunigung um mich herum, irgendwie ist jeder getrieben zu reagieren, sich zu verhalten, ich muss ständig die vielen Informationen filtern nach Wahrheitsgehalt und Relevanz. Was ist denn bei der grossen Diversität in unserer Gesellschaft noch allgemeingültig? Ich fühle mich manchmal ohnmächtig wie Hamlet beim von dir erwähnten Shakespeare. Und ich werde tatsächlich ständig nach der Relevanz von Kunst und Kultur gefragt. Muss diese jetzt nicht politisch sein, sich einmischen und aus dieser Ohnmacht befreien? Oder ist das sogenannte «politischen Theater» nur ein Label, dass sich die überwiegend älteren, männlichen Intendanten auf die Fahne schreiben um, laut Sibylle Berg, ein wenig sich selbst, dem guten Publikum, den Nicht-Nazis, den Nicht-Dummköpfen, zu applaudieren und nach der Vorstellung eine Weissweinschorle zu trinken? Wie muss der Kulturbetrieb der Zukunft aussehen?

 

Marco Läuchli: Du hast recht, «Tagesaktualitäten» war unglücklich gewählt. Ich meine, dass sich heute Kunstwerke häufig in der Auseinandersetzung im allzu konkreten, individuellen oder persönlichen Einzelfall erschöpfen und so die Resonanz bei denjenigen, die davon nicht direkt betroffen sind, verfehlen – womit ich R wie Resonanz als nächsten Begriff vorschlage. Sicher, auch Pablo Picassos Guernica war eine Reaktion auf ein konkretes Ereignis während des Spanischen Bürgerkriegs, doch steht es heute noch – genauso wie damals – als grandioses Mahnmal gegen den Krieg, «in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen» (Picasso im Dezember 1937). An diesem Beispiel lässt sich zeigen, wie die künstlerische Auseinandersetzung die Aktualität auf unergründliche Weise transzendiert. Wie das zu erreichen ist, wird wohl immer das Rätsel der Kunst bleiben. Wie der «Kulturbetrieb der Zukunft» aussehen soll, weiss ich nicht, doch bin ich der Überzeugung, dass darin – neben Unterhaltung oder der direkten politischen Einflussnahme im Stil des von mir sehr geschätzten Milo Rau – wieder vermehrt die Auseinandersetzung mit den «höchsten Werten der Humanität und der Zivilisation» im allgemeinen, philosophischen Sinn Platz finden muss.

 

Larissa Bizer: Ich antworte dir mit einem U wie Universalität. Ich glaube, jetzt habe ich verstanden, was du mit «Allgemeingültigkeit» gemeint hast – ein Verständnis, eine Zugänglichkeit über den eigenen Lebensalltag, die eigene Kultur und Sehgewohnheit hinaus. Kunst als Erlösung aus der Ohnmacht und trotzdem Raum gebend für eigene Interpretationen. Zum Glück sind wir nicht Künstlerin oder Künstler, welche universelle Werke schaffen müssen, sondern, im Zuge dieses Studiums, diejenigen, die Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur schaffen oder begünstigen können. So ist zumindest mein Selbstverständnis als Kulturförderin und Kulturmanagerin. Als universell im Sinne von umfassend erlebe ich übrigens auch das Studium: wie viele kleine Puzzleteile, die sich nach und nach zusammensetzen und irgendwie ein Verständnis vom grossen Ganzen geben, ohne einen zu sehr in die eine oder andere Richtung lenken zu wollen. Ging es dir vor 20 Jahren eigentlich auch so?

 

Marco Läuchli: Zu Beginn, ja. Obwohl ich als ‹Streifschuss-68er› grundsätzlich gegen jegliche Einflussnahme wirtschaftlicher Kräfte auf die heiligen Sphären der Kunst war, glaubte ich damals, dass eine vertiefte Kenntnis dieser Managementmethoden – die trotz gegenteiliger Bekundungen grösstenteils aus der Wirtschaft übernommen wurden – helfen könnten, die Legitimation und Akzeptanz der Kulturförderung zu stärken. So sicher bin ich mir heute nicht mehr. Und komme damit zu C wie Change. Hat nicht die sogenannte, von unzähligen Kulturmanagement-Lehrgängen propagierte «Professionalisierung» sowohl der Kulturschaffenden wie auch der Förderinstanzen zumindest mitgeholfen, den Wandel der umfassenden Bedeutung von «Wert» hin zur profanen Bedeutung «Preis» voranzutreiben? (Unvergesslich die Aussage eines damaligen Dozenten: «Der gesellschaftliche Wert eines Kunstwerkes lässt sich u.a. objektiv anhand des Verhältnisses Franken pro Zuschauer berechnen.») Oder der unergründliche Wandel der Gesuchsteller*innen zu Kund*innen (sic!) während meiner Zeit bei Pro Helvetia, dann die Einführung von nachprüfbaren Indikatoren bei der Beurteilung von Gesuchen etc. etc.? Haben all diese «Innovationen» die gesellschaftliche Relevanz von Kunst und Kultur verstärkt oder gar die Qualität der Kunstproduktion verbessert? Ich habe meine Zweifel…

 

Larissa Bizer: Ich hoffe, ich finde mit H wie Herzensangelegenheit einen würdigen Abschluss unseres Spiels. Sicher hat die Entwicklung des Kulturmanagements und der Kulturförderung keinen Zusammenhang mit der Qualität der Kunstproduktion. Ich finde, das darf sie auch gar nicht haben. Ich finde es auch per se problematisch, wenn Kulturförderung durch ihre Vorgaben ein bestimmtes Künstlerbild impliziert und sich Kunstschaffende in Schubladen pressen lassen, weil sie von Fördermitteln abhängig sind. Ich glaube aber, die Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich Kulturmanagement haben nicht die Legitimation von Kulturförderung gestärkt, sondern die Akzeptanz der organisatorischen Arbeit als unverzichtbaren Bestandteil des künstlerischen Schaffens. Die organisatorische und administrative Arbeit ist, soweit ich das aus den letzten zehn Jahren beurteilen kann, immer umfangreicher geworden, die Projekte werden auch dank internationaler Kooperationen immer komplexer. Als frühere Produktionsleiterin bin ich froh, wenn diese Arbeit einen höheren Stellenwert erhält. Um schliesslich der von dir angeführten, befremdlichen Definition vom Wert eines Kunstwerks etwas gegenzustellen, möchte ich gerne den deutschen Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann zitieren: Kultur sei «kein absoluter Wert, der an sich selbst gemessen werden kann, sondern nur an den gesellschaftlichen Entwicklungen, die sie bewirkt oder deren Bedingungen ihre Entfaltung unterworfen ist». Und neben ihrem messbaren oder unmessbaren Wert muss doch Kulturschaffen zumindest eine Herzensangelegenheit bleiben.

 

Der Dialog wurde im März 2020 per Email geführt.