Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

Innovation im Kulturbetrieb

Klaus Georg Koch ist Autor der Publikation «Innovationen in Kulturorganisationen» (transcript 2014). Das SKM unterhielt sich mit dem Kulturmanager über den fast inflationären Gebrauch des «Innovativen» in Kulturproduktion, Rezeption und Vermittlung.

SKM: Was verstehen Sie unter Innovation, Herr Koch? Dürfen wir davon ausgehen, dass Kunst immer innovativ sei?

Klaus G. Koch: Ja, irgendwie geht es in der Kunst darum, dass etwas Neues entsteht. Und ohne Kreativität keine Kunst, da sind sich wohl alle einig. Aber stellen wir uns einmal zwei bekannte Kunstwerke vor, den «Flaschentrockner» von Marcel Duchamp, und «Fountain», das berühmte Pissoir. Was ist daran neu? Das Gestell für die Flaschen und der Sanitärartikel sind industriell gefertigte Massenprodukte. Dennoch galten die Werke als neu. Wo liegt dieses Neue also? In Duchamps Transposition des Kontextes? Im mentalen Schritt des Publikums, das die Alltagsgegenstände nun mit ästhetischen Augen sieht?

Vermutlich ist es sinnvoll, «Kreativität», «das Neue» und «Innovation» begrifflich zu unterscheiden. «Innovation» ist ein Konzept, das in ökonomischen Zusammenhängen entstanden ist und kultiviert wurde, erstmals in den 1910-er Jahren bei Joseph Schumpeter. Innovativ sind hier vor allem Produkte und Prozesse, Innovatoren sind ursprünglich Unternehmerpersönlichkeiten.
Freilich ist Schumpeters Formulierung von der Innovation als «kreativer Zerstörung» eng an Nietzsche angelehnt. Schumpeter beschreibt den innovativen Unternehmer als Künstlerpersönlichkeit – und als Führer. In Nietzsches «Ecce Homo» klang das so: «Wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muß ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.» Nun kann man sich überlegen, ob nicht auch Duchamp mit seinen Readymades zur gleichen Zeit wie Schumpeter an einer «Umwertung aller Werte» gearbeitet hat. Innovativ wäre dann also nicht der einzelne Gegenstand, sondern das Verfahren, Gebrauchsgegenstände zu isolieren und in ästhetische Kontexte zu versetzen.

Dass wir das gut hundert Jahre später noch immer als neu empfinden, ist allerdings merkwürdig. Die Kunst hat eben ihre eigene Zeit. Selbst wenn ein Verfahren einmal veraltet, kann es doch immer eine Renaissance erleben. Insofern plädiere ich dafür, den Begriff der Innovation für Phänomene zu verwenden, die auf einen Erfolg auf Märkten zielen. Das schliesst die Kunst nicht aus, und schon gar nicht das Ästhetische, das für viele Produkte eine entscheidende Dimension ist. Aber das Neue in der Kunst hat auch Dimensionen, die sich mit «Innovation» nur schlecht erhellen lassen.

Worin unterscheidet sich Innovation im technologischen und im
 künstlerischen Feld?

Klaus G. Koch: In der Technologie ist das innovative Produkt meistens das bessere. Das Innovative verdrängt das Herkömmliche, das Neue das Alte, gleiche Preise vorausgesetzt. Im Bereich der Kunstprodukte bleibt das Alte dagegen neben dem Neuem bestehen: Eine Arbeit Ai Weiweis macht Duchamps Readymades nicht obsolet, ein neues Buch von Zadie Smith macht Dürrenmatt nicht weniger lesenswert. Technische Innovationen stehen oft auch unter Zeitdruck – sie brauchen den möglichst schnellen Erfolg auf einem Markt; das liegt an den Kosten des eingesetzten Kapitals und an den Anstrengungen der Konkurrenz. Natürlich sind das idealtypische Unterscheidungen. Aber grundsätzlich wird man der Kunst besser gerecht, wenn man sie in der Perspektive der Grundlagenforschung betrachtet.

Auch Kulturbetriebe stehen heute unter einem hohen Innovationsdruck: ‚noch
 nie gesehen‘ sollen künstlerische Produktionen sein, das Erst- und Einmalige ist auch Kriterium der Förderer zur positiven Beantwortung von Projektanträgen. Es herrscht der kreative Imperativ. Warum wird der vorwiegend in der Wirtschaft und der Techno-Branche gebrauchte Begriff der Innovation gegenwärtig auch für die Kulturbetriebe diskutiert?

Klaus G. Koch: Für den Innovations-Imperativ in den Kulturorganisationen gibt es mehrere Gründe. Der fundamentalste ist, dass Museen, Literaturkneipen, Chöre, Theater im Spiel bleiben wollen inmitten einer enormen Konkurrenz auch anderer Freizeitangebote. Viele Kulturbetriebe sind von Mitteln der öffentlichen Hand abhängig, von Parlamenten, von Stiftungen, von Förderkreisen, von Mäzenen. Sie müssen nicht nur ihr Publikum von sich überzeugen, sondern auch ihren Geldgebern gute Gründe liefern, warum diese sie unterstützen sollen. Dieses Sollen war lange etwas Moralisches, Kultur war selbstverständlich «gut». Heute sind die Begründungszwänge im öffentlichen Raum vielfältiger, auch für die Geldgeber – soziale Nützlichkeit, das Erreichen neuer Publika, Effizienz spielen etwa eine Rolle. Da müssen die Kulturorganisationen liefern. Und um liefern zu können, müssen sie sich verändern und beweglich bleiben.

Was hindert Kultur-Institutionen daran, innovativ zu sein?

Klaus G. Koch: Zunächst einmal alles, was uns auch als Personen ausmacht: Wir können vielleicht tolle Outreach-Programme in einer Bibliothek entwickeln oder eine superinteressante Dramaturgie-Linie in einem Theater, aber wenn es darum geht, ein Computerspiel zu programmieren, fehlen uns die Kompetenzen. Es interessiert uns vielleicht auch nicht. Und unser Publikum, dem wir verpflichtet sind, interessiert es auch nicht. Wer nun gerne Oratorienchöre leitet, um ein Beispiel zu nennen, der wird dann eventuell gemeinsam mit den Mitwirkenden und dem Publikum alt. Das ist ganz in Ordnung. Wir wollen wir selbst bleiben: Dazu ist Veränderung notwendig, aber in Massen. Auch das Publikum, sogar die Geldgeber, alle wollen sie selbst bleiben. «Sich selbst neu erfinden» ist ein Paradox, das geht vielleicht gar nicht, jedenfalls bringt der Versuch enorme Risiken mit sich. Selbst wenn Sie das für sich auf sich nehmen, gefallen Risiken wiederum vielen Geldgebern nicht, vor allem den öffentlichen. Auch das ist ein Paradox: Innovativität wird häufig verlangt, aber Veränderung wird nicht immer gern gesehen. Daneben gibt es natürlich weniger noble Gründe: Bequemlichkeit, Denkfaulheit, wenig entwickelte Neugier, Unfähigkeit, zu kommunizieren, Unfähigkeit, Impulse aufzunehmen und neue Kräfte einzubinden.

Innovation ist als gewollte Entwicklung positiv konnotiert, obwohl sich viele auch vor Veränderung fürchten und sich mehr Beständigkeit wünschen. Hat das Vertraute auch etwas «lobenswertes» in der Diskussion um Erneuerungen?

Klaus G. Koch: Ja, ganz bestimmt. Und wenn wir das Verhalten vieler Publika ansehen: Etwas zu bewahren, etwas verlässlich wiederauffindbar zu machen, das ist sogar eine wichtige Funktion des kulturellen Lebens. Identitäts-Politiker schlachten das aus und versuchen, gleich alle Teile einer Gesellschaft auf dieses Schema zu verpflichten. Aber etwas zu bewahren bedeutet nicht, sich damit einzumauern.

Wenn alles sich rundherum verändert, ist es dann nicht auch eine
 Strategie, zu bewahren, was ist?

Klaus G. Koch: Wir selbst als Personen sind mehr oder weniger neugierig, mehr oder weniger konservativ, mehr oder weniger experimentierfreudig, mehr oder weniger auf Sicherheit bedacht, mit unterschiedlichen Gewichtungen je nach Lebensphase. Und das gilt auch für jede einzelne Person in unseren Publika. Für alle stellt sich die Frage: Wie bleiben wir wiedererkennbar, wenn alles sich verändert? Es ist eine Frage, die uns das Leben selbst in unseren Gesellschaften stellt. Kulturarbeit hat da eine reflexive Funktion: Sie ermöglicht die Begegnung mit älteren oder veraltenden Bildern vom Menschen – etwa die viel beschworene «Humanität» in der klassischen Musik – und sie ermöglicht das Ausprobieren neuer Anthropologien, etwa in der Perspektive des «Posthumanismus». Im Kulturmanagement ist Innovation aber auch dann eine Aufgabe, wenn man sich auf die Seite des Bewahrens stellt. Wir wollen unsere Publika ja erreichen, wir wollen sie ansprechen, ihr Interesse wecken, ihnen Begegnungen ermöglichen, die ihnen etwas bedeuten. Wir wollen – umgekehrt – für unsere Publika erreichbar sein. Wir wollen relevant bleiben für eine Gesellschaft, auf deren Zuwendungen wir angewiesen sind. Mit anderen Worten, wir wollen im Strom des Lebens bleiben. Und in diesem Sinn – lebendig bleiben, neugierig bleiben, kommunikativ bleiben! – arbeiten wir jeden Tag an «Innovation».