Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

Umbruch als Chance: Philippe Bischof, Direktor Pro Helvetia

Philippe Bischof (1967) erinnert sich gut an diesen Moment 2007 in Luzern, als er einem Kulturbeauftragten gegenüber sass und dieser sämtliche seiner Ideen, Vorschläge und Konzepte an einer Sitzung abschmetterte: «Das ist sehr interessant, wird aber hier nicht funktionieren, das interessiert die Luzerner nicht!» Bischof baute gerade das Kulturzentrum Südpol auf und wollte etwas bewegen: «Ich war geschockt darüber, wie man enthusiastische Menschen entmutigen kann und beschloss, dass ich das anders machen möchte.»

Seine Karriere als Kulturpolitiker gewann an Dynamik, als er 2011 Kulturbeauftragter der Stadt Basel wurde. Damals wie heute als Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia (seit 2018) versucht er, nie aus Bequemlichkeit nein zu sagen, sondern Möglichkeitsräume zu eröffnen. Sein Einsatz und sein Engagement gelten dem Ausprobieren und den alternativen Ansätzen. Wenn Bischof über Kulturpolitik redet, dann leidenschaftlich, klar und pointiert – so, als hätte er ein Leben lang über nichts anderes nachgedacht.

Seine kulturpolitische Karriere begann in Berlin, seiner damaligen Wahlheimat Anfang 2000. Bischof, früher als freier Dramaturg und Regisseur unterwegs, wurde in die Theater- und Tanz-Jury der Senatsverwaltung Berlin berufen: «Es war eine künstlerisch tolle Zeit mit aufstrebenden Künstlerkollektiven wie Meg Stuart, Gob Squad, SheShePop, Constanza Macras», schwärmt Bischof. Diese Gruppen waren (inter)national erfolgreich. Mit dem Erfolg stiegen ihre Bedürfnisse und Ansprüche an die Rahmenbedingungen der freien Szene. Bischof wurde beauftragt, ein neues Fördermodell für freie Theater- und Tanzgruppen zu entwickeln: «Da hat es bei mir zum ersten Mal geklickt», sagt Bischof. Der Perspektivenwechsel vom Antragsstellenden zum Mitgestalter von Rahmenbedingungen faszinierte ihn. Er sah es als seine wichtigste Aufgabe, die Politik davon zu überzeugen, dass Gruppen der freien Szene gleichwertig zu behandeln seien wie die grossen Theater- und Tanzhäuser.

Bischofs Wunsch, in die Kulturpolitik zu gehen, entblössten aber Wissens- und Methodenlücken – und er entschloss sich zu einem Studium am SKM. Auch heute denkt er positiv an seine Studienzeit in Basel, deren Relevanz er für sich darin sieht, in einen Diskurs über Kulturpolitik und -förderung gelangt zu sein. Aus Bischofs Sicht ist es heute zwingend, den Begriff Kulturmanagement breit und kontextbezogen zu definieren: Kulturwirtschaft, -politik, Soziologie und Kunstproduktion müssten permanent miteinander gedacht werden. Im Gegensatz zu den Anfängen von Kulturmanagement, wo die effiziente und reibungslose Machbarkeit von Kulturprojekten im Vordergrund stand, brauche es heute deutlich kritischere Ansätze, die das System selbst in Frage stellen und damit erneuern. Diese müssten zwingend Fragen zu Überproduktion, Ethik, Ökologie oder Interkulturalität angehen. Wer ein wirksamer Kulturmanager sein will, davon ist Bischof überzeugt, muss Kulturpolitik verstehen.

Philippe Bischof unterhält sich mit Margrit Bürer über Umbrüche im Spannungsfeld «Lokal-International» in der Kulturförderung: Gibt es tatsächlich universale Werte in unserer globalen Welt? Wie stark bestimmen die lokalen kulturpolitischen Bedingungen, was machbar ist? Und warum ist die Kulturförderung so humorlos?