Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

Der Veränderung auf der Spur: Margrit Bürer, Kulturförderin

Margrit Bürer (1955) kennt sich aus mit Umbruchsituationen. Ihre berufliche Karriere ist voll davon. Mit 17 zog sie nach Fribourg, um Sportjournalistin zu werden. Gerade rechtzeitig, um die Proteste der Studierenden mitzubekommen, die sich gegen konservative Neuanstellungen und rigide Strukturen wehrten. Noch einschneidender für Bürers Biografie wurde die Begegnung mit dem umtriebigen Dozenten und Gründer der Solothurner Filmtage Stephan Portmann: Er öffnete ihr die Tür zum Bereich Film– und liess sie ihren Traum von der Sportjournalistin vergessen.

Nach dem Studium sammelte sie erste Erfahrungen in Filmadministration (Katholisches Filmbüro Zürich) und -kritik. Beides «nicht unbedingt mein Ding», lacht Bürer heute. Sie beschliesst, an der Schule für soziale Arbeit in Zürich nochmals ein Studium aufzunehmen. Das letzte Ausbildungsjahr war als Projektjahr konzipiert. Bürer verbrachte es in Wil St. Gallen. Es war die Zeit der ersten drei Versuche mit Lokalfernsehen in der Schweiz. Der Versuch in der Ostschweiz war als sogenannter offener Kanal konzipiert. TV wurde als demokratisches Medium verstanden, die Bevölkerung von Wil war aufgefordert, eigene Beiträge zu machen. Bürer leitete Kinder, Jugendliche und Erwachsene an, die nicht über das technische Know-how oder das nötige Vertrauen in die Bedeutung eigener Geschichten verfügten. Mit ihrem damaligen Mentor Heinz Nigg (Ethnologe, Kulturvermittler und Förderer des partizipativen Video- und Filmschaffens der ersten Stunde) gründete Bürer daraufhin die Projektstelle Videoanimation. Alsbald begann Bürer auch selber Filme zu drehen. Mit einer reinen Frauenequipe leistete sie damals Pionierarbeit; eigene Visionen fanden stets im Kollektiv ihre Form. Der Film «Noch führen die Wege an der Angst vorbei» über die Ängste von Frauen vor Vergewaltigungen wurde an den Solothurner Filmtagen (1988) gezeigt. Aber nachdem Bürer ihre erste Drehbuchförderung für einen langen Spielfilm erhalten hatte, lief ihr der ganze Produktionsapparat Film zuwider. Sie wandte sich ab vom Film und zur Kulturförderung hin – als Koordinatorin des Kulturmobils bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Dort baute sie schliesslich als Mitglied der Geschäftsleitung den Bereich Programme auf.

Appenzell Ausserrhoden war damals eine der letzten Kantone ohne Amt für Kultur. Die Einladung, diese kantonale Kulturförderstelle aufzubauen, hat Bürer inspiriert, begeistert nahm sie sich der Aufgabe an. Der Wechsel von Pro Helvetia zu Appenzell Ausserrhoden war wie Tag und Nacht «Hier habe ich eine Hebelwirkung», sagt Bürer, «und ich kann Dinge umsetzen. Ich bin wieder nahe an den Kulturschaffenden.» Bürers Ansätze sind wegweisend. So gibt es etwa für die Fördergesuche keine Zuweisungen an Disziplinen, sondern nur einen Fördertopf. Analog setzt sich der transdisziplinäre Kulturrat aus Vertreterinnen und Vertretern aller Sparten zusammen. Jeder muss sich aus seiner Komfortzone heraus bewegen und über die eigene Expertise hinweg diskutieren.

2006 hat Bürer noch einen MBA an der Hochschule St. Gallen gemacht. Das SKM kannte sie als Dozentin, aber ein Kulturmanagement Studium kam für sie persönlich nicht in Frage. «Die Ausrede, dass in der Kultur alles anders sei, war für mich etwas müssig. Ich wollte wissen, wie die andern ticken.» Mit Sorge beobachtet Bürer heute, wie die Projektbudgets vor allem im Management und Organisationsbereich stetig steigen und die Gelder nicht unbedingt mehr direkt der Kunst zukommen.

Teilhabe und Inklusion ziehen sich wie ein roter Faden durch Bürers Karriere. Ihre nach eigener Aussage grösste Idee im Leben hatte Bürer mit der Gründung der Stiftung Erbprozent (2015). Eine Kulturstiftung der Zivilgesellschaft, bei der alle mitmachen können. Wer will, kann ein Erbversprechen geben und damit 1% des Nachlasses für die Förderung der Kultur der nächsten Generation einsetzen. Das bedeutet auch, die Kulturförderung der Gegenwart aktiv mitzugestalten.

Margrit Bürer unterhält sich mit Philippe Bischof über Umbrüche im Spannungsfeld «Lokal-International» in der Kulturförderung: Gibt es tatsächlich universale Werte in unserer globalen Welt? Wie stark bestimmen die lokalen kulturpolitischen Bedingungen, was machbar ist? Und warum ist die Kulturförderung so humorlos?