Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

Das Haus mit vielen Gesichtern

Der Kulturmarkt im Zürcher Kreis 3 bietet im Zwinglihaus neben Einsatzmöglichkeiten für Stellensuchende ein qualitativ hochstehendes Kulturprogramm und betreibt zugleich ein Restaurant. Dieter Sinniger, Geschäftsleiter, und Christine Ginsberg, Leiterin Kommunikation, erzählen im Gespräch, wie sie den Spagat zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen schaffen.

 

Güvengül Köz Brown: Herr Sinniger, der Kulturmarkt wurde in den 1990er-Jahren als Pilotprojekt für kulturinteressierte Stellensuchende lanciert. Was ist seither im Haus passiert?

Dieter Sinniger (DS): Sehr viel. Ursprünglich wurde das Projekt von Cevi-Aktivist*innen lanciert, die Arbeitslose in Theaterproduktionen verwickelten. Ganz nach dem Motto: Lieber gemeinsam etwas auf die Beine stellen statt zu Hause herumhocken. Heute sind wir ein politisch und konfessionell unabhängiger Verein, der im Auftrag des SECO auf nationaler Ebene eine vorübergehende Beschäftigung für Stellensuchende anbietet.

Das Programm ist schweizweit einmalig. Was ist das Besondere daran?

DS: Wir bieten für erwerbslose Kultur- und Kunstschaffende u. a. aus Theater, Tanz und Musik ein professionelles Qualifizierungsprogramm an. Wie in den Anfangszeiten involvieren wir sie aktiv in einzelne Produktionen und coachen sie in dieser Zeit fachlich – gerade im Hinblick auf eine existenzsichernde Perspektive. Unser Ziel ist es, sie möglichst schnell, gut und sinnvoll in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

Wie viele Stellensuchende nehmen derzeit am Programm teil?

Christine Ginsberg (CG): In den über 40 Einsatzplätzen beschäftigen wir aktuell 17 Kulturschaffende. Die restlichen Teilnehmenden verteilen sich auf weitere Fachbereiche wie Gastronomie, Kommunikation, Marketing oder IT. Mit allen gemeinsam betreiben wir den Kulturmarkt. In der Regel bleiben die Stellensuchenden sechs Monate bei uns, im Durchschnitt sind es jedoch nur viereinhalb Monate. Das heisst, sobald sie eine Anstellung gefunden haben, verlassen sie den Kulturmarkt.

Das macht die Planung für Sie sicherlich nicht einfach?

CG: Ganz und gar nicht – so sehr wir uns auch für sie freuen. Ich habe beispielsweise vor kurzem eine Teilnehmerin eingearbeitet, nach knapp zwei Wochen hatte sie bereits eine Festanstellung und am nächsten Tag war sie dann schon weg. Das spricht ja grundsätzlich für unser Angebot. Intern bedeutet das allerdings auch, dass wir jederzeit bereit sein müssen, alles abzufedern, um das Projekt notfalls selbst zu Ende zu führen.

DS: In den vergangenen Jahren fanden durchschnittlich 60 Prozent der Stellensuchenden nach der Zeit bei uns einen Job, 2019 waren es sogar 67 Prozent. Diese Erfolgsquote ist für uns essentiell, denn wir müssen unsere Zahlen dem SECO rapportieren. Genauso wichtig ist sie für die zuweisenden Stellen wie RAV, IV und Soziale Dienste. Insofern sind wir natürlich sehr glücklich darüber, dass unsere praxisnahen Qualifizierungen den Betroffenen helfen, wieder in den Stellenmarkt einzusteigen.

Wenn auch die IV zu den zuweisenden Stellen zählt, bedeutet das, dass auch gesundheitlich beeinträchtigte Menschen im Kulturmarkt tätig sind?

DS: Die Arbeitslosenquote ist offiziell sehr tief. Auf der anderen Seite ist der Anteil an Menschen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer psychischen Erkrankung keine Anstellung mehr finden, stark gestiegen. Diese Verschiebung spüren wir, dadurch ist unsere Betreuungsarbeit viel anspruchsvoller und zum Teil auch belastender geworden.

CG: Die unterschiedlichen Biografien und Bedürfnisse können durchaus zu einer Belastung führen, aber wir sind intern gut aufgestellt, so dass wir uns gegenseitig sehr gut stützen können. Wir haben darüber hinaus die Möglichkeit, in schwierigeren Situationen externe Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Viel wichtiger ist es meiner Meinung nach, dass diese Menschen nach der Zeit bei uns, in der sie viel über Selbstwahrnehmung und Selbstsicherheit lernen, genau die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhalten. Hier müssten Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen, indem sie etwa dauerhafte Arbeitsplätze für gesundheitlich beeinträchtigte Menschen schaffen. Im Wissen, dass sie beispielsweise etwas langsamer sind oder engere Begleitung benötigen. Umgekehrt sind gerade diese Menschen in der Regel sehr loyale Mitarbeitende.

Welchen Einfluss haben diese Rahmenbedingungen auf das Kulturprogramm?

DS: Für uns steht vorerst der Mensch im Zentrum – mit allen Voraussetzungen, die er mitbringt. Zugleich verfolgen wir das Ziel, ein profiliertes Kulturhaus zu sein, ohne dass von aussen der Eindruck entsteht, wir seien ein «Arbeitslosenghetto». Entsprechend müssen wir die Erwartungen des Publikums genauso erfüllen wie diejenigen der Programmteilnehmenden. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns täglich. Das kostet Kraft und hat zur Folge, dass wir nie den gleichen Output liefern können wie andere Kulturhäuser.

CG: Dennoch würde ich sagen, dass der Output mit durchschnittlich 120 Veranstaltungen im Jahr gross ist, angesichts der Tatsache, dass uns nur die Hälfte unseres Arbeitspensums für die «Kulturarbeit» zur Verfügung steht und wir die restlichen 50 Prozent für das Coaching unserer Teilnehmenden einsetzen.

 

Fotos: Kulturmarkt ©️ Phlipp Heer

 

Wie finanzieren Sie das Kulturangebot?

DS: Getragen wird unser Gesamtbudget zu zwei Dritteln vom SECO und von den Kostengutsprachen der zuweisenden Stellen. Dieses Geld setzen wir aber ausschliesslich für die arbeitsmarktlichen Massnahmen ein. Betriebsbeiträge aus der Kulturförderung erhalten wir leider nicht. Entsprechend müssen wir den Rest selbst erwirtschaften – über das Restaurant, über die Einnahmen an der Veranstaltungskasse oder über die Vermietung unserer Räume.

Inwiefern würde das Programm davon profitieren, wenn Sie zusätzliche Gelder aus der Kulturförderung bekämen?

DS: Da es keinen Sinn macht, ein fixes Ensemble auf die Beine zu stellen, wenn die Beschäftigten nur befristet bei uns sind, würden zusätzliche Gelder zwar nichts an unserer Strategie ändern, sie würden es uns aber ermöglichen, mehr Personal einzustellen für die dramaturgische und programmatische Begleitung. Zudem hätte das einen positiven Einfluss auf die Innen- und Aussenwahrnehmung. Für die Stellensuchenden beispielsweise wäre es eine noch bessere Referenz auf dem Arbeitsmarkt.

Seit letztem Herbst bauen Sie das Musikangebot aus. Warum dieses Engagement, wenn die finanziellen Mittel eh knapp sind?

CG: Die Frage ist berechtigt. Ich bin ja nicht nur für die Kommunikation zuständig, sondern auch für die Konzeption und Umsetzung des neuen Konzertprogramms. Die Hintergrundlegitimation für den Ausbau sind einmal mehr unsere Stellensuchenden. Gerade für unsere temporären Veranstaltungs- und Tontechniker*innen ist es zentral, dass sie nicht nur Erfahrungen bei Theaterproduktionen sammeln, sondern genauso bei Musikveranstaltungen. Gleichzeitig leistet Musik einen wichtigen Beitrag zur Belebung des Quartiers und zur Durchmischung des Publikums. Vor kurzem hatten wir hier beispielsweise eine kurdische Sängerin zu Gast, die in London lebt und mit griechischen Musikern auftrat. Solche Konzerte ziehen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Altersgruppen an. Diese Diversität ist uns sehr wichtig. Genauso wie die Offenheit und Vernetzung in einem zunehmend gentrifizierten Quartier, das zum Glück jedoch noch immer sehr lebendig, gut durchmischt und auch von vielen Kulturschaffenden bewohnt ist.

DS: Wir wollen die gesellschaftliche Vielfalt bezüglich Alter sowie soziökonomischer, kultureller und sprachlicher Herkunft auf der Bühne abbilden. Deshalb sind solche Themen ein wichtiger Bestandteil unseres Kulturprogramms.

Nicht nur die Gesellschaft verändert sich, auch Sie beide haben einen bewegten beruflichen Werdegang vorzuweisen. Herr Sinniger, Sie waren mal Schauspieler, Landwirt und über sieben Jahre lang Leiter des Theaters Tuchlaube. Was bedeutet Ihnen, neue Wege einzuschlagen?

DS: Ich bin ein Mensch, der in regelmässigen Abständen Veränderung braucht. Als ich noch die Leitung in der Tuchlaube hatte, habe ich ins Blaue heraus gekündigt. Ich bin der Überzeugung, dass gerade Personen, die in einer Machtposition beschäftigt sind, regelmässig ausgewechselt werden müssen. Nur so kann man einen Perspektivenwechsel ermöglichen. Bis jetzt bin ich gut damit gefahren. Ich weiss aber nicht, ob ich in meinem fortgeschrittenen Alter auch den Kulturmarkt planlos verlassen würde (lacht).

Wie sieht es bei Ihnen aus, Frau Ginsberg?

CG: Ich habe ursprünglich eine Ausbildung als Übersetzerin abgeschlossen und bin vor rund 20 Jahren in die Kulturbranche quer eingestiegen. Zunächst war ich im Moods, später im Museum Rietberg und die letzten vier Jahre im Schauspielhaus Zürich tätig. Im Kulturmarkt bin ich erst seit April 2019 und finde es hier grossartig, weil einerseits ganz klar der Mensch im Zentrum steht und das soziale Engagement einen so wichtigen Raum einnimmt. Und andererseits, weil das Haus grosses Potenzial als Veranstaltungsort und zugänglicher Treffpunkt in sich birgt. Die einzelnen beruflichen Schritte in meiner eigenen Biografie empfinde ich als organische Entwicklung, die mich stets auch persönlich weitergebracht hat.

Interview: Güvengül Köz Brown