Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

Künstliche Intelligenz und Kunst

Der technologische Wandel bringt permanent radikale gesellschaftliche Umbrüche mit sich. Eine der Technologien, die in den letzten Jahren in dieser Hinsicht für Furore gesorgt hat, ist die Künstliche Intelligenz (KI) oder genauer gesagt, das «Machine Learning» (maschinelles Lernen), das heute als dominante Form von KI zum Einsatz kommt und auf Datenverarbeitung mittels neuronaler Netzwerke basiert, die sich am biologischen Vorbild des menschlichen Gehirns und seiner informationsverarbeitenden Prozesse orientiert (wenn auch nur als Metapher).

Das Haus der elektronischen Künste Basel (HeK) ist eine Institution, die ihren Fokus auf das Zusammenspiel von Technologien, Medien und Kunst legt und die den technologischen Wandel und seine Auswirkungen auf den Menschen und die Gesellschaft in den Blick nimmt. Es lag daher nahe, eine Ausstellung zum Themenfeld Künstliche Intelligenz zu konzipieren. 2019 zeigte das HeK die Gruppenausstellung Entangled Realities. Leben mit künstlicher Intelligenz. Sie befasste sich mit der zunehmenden Präsenz von KI in allen Lebensbereichen. Welche Auswirkungen hat diese auf eine Welt, in der sie mittels Smartphones und «smarten» Heimgeräten längst unseren Alltag begleitet?

Entangled Realities führte unter anderem vor, wie menschliche und künstliche Intelligenz gemeinsam neue Lösungsansätze und künstlerische Ausdrucksformen generieren können. Die Musiker*innen Holly Herndon und Mat Dryhurst präsentierten in ihrer Videoinstallation Deep Belief (2018-2019) eine KI, die sie über Jahre trainiert und als Mitglied ihres musikalischen Ensembles aufgebaut haben. Sie nennen sie «Spawn» (Ausgeburt), aber auch «KI-Baby»: Sie lernt vom Hören ihrer Eltern Holly und Mat und von der Teilnahme an den Live-Auftritten des Duos. Mit Hilfe der akustischen Informationen kann sie Songs generieren und Kompositionsstile und Vocals nachahmen. Das Video zeigt ein Trainingsset, bei dem Spawn zum ersten Mal mit dem gesamten Ensemble und auch mit dem Publikum interagiert. Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung brachten die beiden ihr neues Album «Proto» heraus, das in Zusammenarbeit mit Spawn entstanden ist und weltweit Aufmerksamkeit und grossartige Kritiken erhielt. Herndon und Dryhurst delegierten der KI nie Entscheidung über ihre Kompositionen, liessen sich aber von den unerwarteten und vielleicht überraschenden musikalischen Interventionen Spawns inspirieren.

 

 

Eine ähnliche Erfahrung machten wir auch als Kurator*innen. Wir hatten die Schweizer Künstlergruppe fabric | ch aus Lausanne eingeladen, eine KI auf die Entwicklung der Ausstellungs-Szenografie anzusetzen. Dafür lieferten wir die technischen Anforderungen und ästhetischen Rahmenbedingungen der gezeigten Werke, gaben Informationen zu vorhandenen, flexiblen Elementen wie Wandsystem, Licht, Bestuhlung und machten einige Vorgaben, welche Werke in Beziehung zueinander gelesen werden sollten. Aus diesem Regelsatz generierte das System verschiedene Szenarien. Unser Vertrauen in die KI war allerdings beschränkt, sodass wir gleichzeitig selbst einen Plan B entwickelten. Als wir dann die ersten Ergebnisse sahen, waren wir überrascht. Die KI ging ganz anders als wir an die Aufgabe heran. Sie dekonstruierte alles in einzelne Elemente – freistehende Wandelemente dominierten die raumbildenden Wändeab. So konnte die Ausstellung nicht realisiert werden, aber die unerwartete Herangehensweise war eine Inspiration, die zu neuen ästhetischen Ergebnissen führte. Die von der KI vorgenommene Fragmentarisierung liess als durchgängiges Prinzip eine sehr dynamische Ausstellungsarchitektur entstehen. Dass KI uns Kurator*innen überflüssig machen würde, davon sind wir noch weit entfernt.

 

Mit KI errechnete Ausstellungsszenografie. fabric | ch, Atomized (curatorial) Functioning, 2019, Copyright: fabric | ch

Mit KI errechnete Ausstellungsszenografie. fabric | ch, Atomized (curatorial) Functioning, 2019, Copyright: fabric | ch

Ausstellungsansichten Entangled Realities – Living with Artificial Intelligence, 2019, HeK Basel. Photo: Franz Wamhof

 

Das Potenzial der neuen technologischen Möglichkeiten von KI hängt ab von einem verantwortungsbewussten Umgang. Die Frage nach Autorschaft und Kreativität einer KI wird von Künstlerinnen und Künstlern klar definiert. Teils als (komplexes) Werkzeug und gelegentlich als Kollaborateur eingesetzt, ist es an uns, Sorge zu tragen, dass aus dieser kindlichen KI kein Monster heranwächst, wie Holly Herndon sagt. Als neueres Tool innerhalb der künstlerischen Palette kann KI völlig überraschende Bilder, Klänge oder architektonische Szenarien schaffen. KI kann keine Künstler*in sein, aber Kunst produzieren kann sie – unter Anleitung – sehr wohl.

HeK, Haus der elektronischen Künste Basel: Entangled Realities. Leben mit künstlicher Intelligenz,  09. Mai  bis 11. August 2019, kuratiert von Sabine Himmelsbach und Boris Magrini. Die gleichnamige Publikation erschien im Christoph Merian Verlag.