Positionen und Berichte zum Umbruch
im Arbeitsfeld Kultur und Kulturmanagement

20.02. — 20.08.2020

Globalisierung, Kultur, Kulturmanagement

Kultur ist in ihrer Form grenzüberschreitend, international, universell. Das gehört zum Bekenntnis jedes Kulturschaffenden und jedes Kulturpolitikers. Nirgends werden ‘Multikulti’, Diversität und Verschmelzung so intensiv zelebriert wie auf Festivalbühnen, in Konzertsälen und an Kunstmessen jeder Art. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hartnäckige Mechanismen des Ausschlusses den Kulturbetrieb prägen.  

 

Eigentlich, würde man meinen, macht es keinen Sinn, sich Gedanken über Kultur, Kulturmanagement und Globalisierung zu machen. Doch so eindeutig ist die Sachlage nicht. Leicht stellt man fest, dass auch bei der Kultur die Dominanz gewisser Gruppen nach wie vor selbstverständlich ist, wenn man die drei «P» anschaut: Personal, Programm, Publikum. Im Publikum sind bestimmte Gruppen nach wie vor untervertreten. Sie lassen sich einerseits soziostrukturell beschreiben, andererseits aber auch nach ihrer Herkunft: Migrierende sind in vielen Bereichen der Kultur wenig präsent. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in diesen nicht wirklich dazugehörig, finden ihre kulturellen Interessen nicht wirklich wertgeschätzt, sehen sich in verschiedenen Institutionen weder wahrgenommen noch vertreten.

Und viele kulturelle Institutionen haben Fragen der Diversität und der Zugänglichkeit für ein breites Spektrum der Bevölkerung noch kaum je ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Programme basieren vielerorts nach wie vor auf dem, was man als bildungsbürgerlichen Normalkanon verstehen könnte. Die Leitung der Institutionen ist weitgehend in den Händen von Gruppen, die seit eh und je nicht nur zum kulturellen, sondern auch zum gesellschaftlichen Establishment gehören. Natürlich gibt es Ausnahmen, natürlich sind sich gerade kulturaffine Menschen – die sich in der Regel als offen, engagiert, solidarisch einschätzen – bewusst, wie schwierig es ist, den unterschiedlichsten Erwartungen gerecht zu werden.

Politische und mediale Debatten um Migration und Vielfalt sind aber weiterhin oft polarisiert und vereinfachen die komplexen Herausforderungen einer vielfältigen Gesellschaft anhand von stereotypen Schablonen von «Wir» und «die Anderen». Dies ist in mehrfacher Hinsicht problematisch: 2,5 der 8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz besitzen keinen Schweizerpass. Fast 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Bei den 15 bis 34-Jährigen beträgt dieser Anteil sogar über 50 Prozent. Die Stimmen, Erfahrungen und Wirklichkeiten dieser Menschen sind in Kultur und Öffentlichkeit unterrepräsentiert. Es wird mehr über Menschen mit Migrationshintergrund geschrieben, berichtet und erzählt – insbesondere als Problem – als mit oder von ihnen. Fehlende Vorbilder und Anerkennung können das Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit stärken. Umgekehrt ist der mit zunehmender Vielfalt verbundene soziale Wandel für viele Menschen in der Aufnahmegesellschaft mit grossen Verunsicherungen und Ängsten verbunden. Dies kann zur Abschottung gegenüber den als «anders» wahrgenommenen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und zu einer gesellschaftlichen Zerreissprobe führen.

Daher ist eine intensive und offene Auseinandersetzung zu Globalisierung, Migration und Vielfalt vonnöten. Es gilt, Bilder, Geschichten und Diskurse eines vielstimmigen Zusammenlebens zu entwickeln; es gilt, vorhandene Potenziale, aber auch Herausforderungen und Konflikte zu thematisieren. Die Kultur bietet hierfür Raum, wenn sie sich dieser Aufgabe bewusst ist.

Die Geschichte der Schweiz kann gelesen werden als Versuch, die kulturelle Erzählung von Vielfalt und Zugehörigkeit immer wieder an neue Gegebenheiten anzupassen, an den Einbezug weiterer Gruppen und Minderheiten. Gemeint sind damit nicht nur die Sprachgruppen, sondern etwa die Katholiken nach dem Sonderbundskrieg oder die Arbeiterschaft nach dem Ersten Weltkrieg, schliesslich auch die Frauen. Wer aber ist heute die Schweiz? Wer sind «Wir»? Und wer entscheidet darüber?

Macht man sich auf die Suche nach konkreten Anleitungen und Best Practices, um diese Herausforderung von Kulturarbeit anzugehen, findet man nur wenig. Denn es ist in der Tat nicht einfach, Institutionen neu zu denken in ihrer Struktur und Leitung, in ihrer Programmierung und in ihrer Ansprache vielfältiger Nutzerinnen und Nutzer. Der Ausbildung im Kulturbereich stellen sich daher ebenfalls neue Aufgaben. Nicht nur, um das Publikum zu erhalten, vielleicht sogar zu vergrössern, sondern auch, damit die Kultur in der Lage ist, ihr wesentliche Rolle einzunehmen bei der Konstituierung von Gesellschaft, bei der Debatte über die grossen Fragen der Zeit. Denn die Globalisierung wird nicht an Bedeutung verlieren, sondern in all ihren Ausprägungen, ihren Vor- und Nachteilen, ihren Chancen und Risiken die Gesellschaft in Zukunft noch stärker prägen als bisher.